Vom „Fräulein vom Amt“ zum digitalen System – ein Quantensprung

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Die Historie der Vermittlungstechnik beginnt mit der Handvermittlung wie sie bei dem Klappenschrank in der Ausstellung nachempfunden werden kann. Über ihn konnten zehn Verbindungen gleichzeitig vermittelt werden und er war insgesamt für 50 Teilnehmer ausgelegt. Durch Betätigen seines Kurbelinduktors bewirkte der rufende Teilnehmer das Herabfallen der Klappe, die seinem Anschluss zugeordnet war, woraufhin die Vermittlungsperson einen Stöpsel eines Schnurpaares in die Klinke des Teilnehmers einführte. Nachdem der Teilnehmer seinen Gesprächswunsch durchgegeben hatte, führte sie den zweiten Stöpsel in die Klinke des gerufenen Teilnehmers ein und rief ihn durch Betätigen des Rufschlüssels. Die Weiterentwicklung des Klappenschranks war der Glühlampenschrank. Um ein Gespräch zu führen, musste man nicht mehr kurbeln, es reichte, den Handapparat abzunehmen. In der Vermittlungsstelle fiel dann keine Klappe, sondern eine Glühlampe begann zu leuchten.

Die Bedienung der Vermittlungsschränke erfolgte durch eine Fernsprechgehilfin, die sogenannten „Fräuleins vom Amt“. Da Frauen zu Beginn der Handvermittlung keine Beamten werden durften, war das Fräulein ursprünglich männlich. Man erkannte schnell, dass die höhere Stimmlage des weiblichen Organs die Schallwellen leichter verständlich macht und männliche Teilnehmer friedlicher werden, wenn ihnen aus dem Telefon eine Frauenstimme entgegen tönt.

Die Arbeitsbelastung der Telefonistinnen war extrem hoch, die Entlohnung hingegen eher gering. Eine Telefonistin bediente bis zu 15.000 unbeschriftete Klinken. Sie wusste auswendig, welche Nummer welcher Klinke zugeordnet ist und konnte meist sogar stecken ohne hinzusehen. Die Frauen mussten pro Minute zwischen sechs und acht Verbindungen herstellen. Die stets hohe körperliche und geistige Arbeitsbelastung führte dazu, dass viele Telefonistinnen, trotz Einführung der 35-Stunden-Woche, mit 40 Jahren dienstunfähig wurden, wenn sie nicht aufgrund höherer Qualifikationen an anderen Stellen eingesetzt werden konnten.

Die Handvermittlung hielt allerdings der großen Anzahl von Telefonteilnehmern nicht mehr lange stand. Die Post beginnt deshalb in den 1920er Jahren mit der Automatisierung. In den 70er Jahren sind weltweit über 400 Millionen Telefonanschlüsse registriert.

Die Mikroelektronik verändert den Alltag dramatisch. In den Arbeitsprozessen werden erstmals Computer eingesetzt. Standard Elektrik Lorenz AG (SEL) verwendet zunehmend digitale hochintegrierte Halbleiterbauelemente. Neue Technologien beherrschen den Produktionsprozess.

Das System 12 von SEL revolutionierte die Vermittlungs- und Übertragungstechnik. 1984 steht SEL mit dem Verkauf weltweit an der Spitze. Es war das erste volldigitale, verteilte System, in dem alle Signale als digitale Datenströme bearbeitet, vermittelt und übertragen wurden. Die Steuerungs- und Vermittlungsintelligenz ist dezentral auf alle Bausteine des Netzes verteilt. Bei Ausfall einer Anlage ist das übrige Netz immer noch arbeitsfähig.

Mit der Einführung von System 12 wurde bei der Deutschen Telekom auch das Integrated Services Digital Network (ISDN) eingeführt, trotzdem gab es nach wie vor einfache, analoge Teilnehmeranschlüsse (POTS), angepasst an die digitale Welt durch spezielle Interface-Karten.